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32. Die Väter der Zivilisation (4)

Aber wenn man Spuren einer Religion findet, die so aufgeklärt ist, nur einen Gott zu verehren, die die Ewigkeit überdauert, und eine Philosophie, die so tiefgründig ist, daß alles, was Solon über Gesetzgebung wußte, alles, was Pythagoras und Platon an ethischen und geistigen Theorien hatten, von ihnen geliehen zu sein scheint, und das zu einer Zeit (und noch lange danach), in der die Juden Gott den Schöpfer verehrten als Gott der Hebräer, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht den Gott der ganzen Welt - dann kann man nicht anders, als diese ägyptische Religion und Philosophie mit allem zu vergleichen, das wir kennen.

32. Die Väter der Zivilisation (3)

Viele ihrer Errungenschaften – zum Beispiel der Steinabbau und die Errichtung ihrer gewaltigen architektonischen Werke – sind völlig verlorengegangen. Wir haben keine Überlieferung ihrer mechanischen Fähigkeiten und nur wenig von ihrer chemischen, mathematischen und astronomischen Wissenschaft. Wenn man die Malereien in den Grabkammern von 3000 vor Christus sieht, all die Amüsements, die als letzter Schliff einer Nation gelten – und sie mit den Tänzen, der Musik, den Gemälden aus Paris und London vergleicht –, kann man sich nicht vorstellen, daß diese Nation lange vor der Zeit entstanden ist, auf die wir die Erschaffung des Menschen datieren.

32. Die Väter der Zivilisation (2)

Hier wirken die Worte „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ seltsam und schmerzhaft. Man betritt eine ägyptische Grabkammer, die mindestens 4000 Jahre alt ist, und an den Wänden sieht man in den unsterblichen Farben dieses Klimas, das alles bewahrt (Farben, die auch beweisen, wieviel diese Ägypter von Chemie verstanden), eine Nation, die fast an unsere Zivilisation heranreichte, an unsere Philosophie, und ich denke, auch an unsere Kunst und Wissenschaft.

32. Die Väter der Zivilisation (1)

„Vergangenheit“ und „Gegenwart“ sind Wörter, die wir in Europa gern benutzen. Sie stehen meistens für eine positive Sicht der Dinge, außer wenn ein wütender alter Tory kommt und über die „goldenen Tage der guten Königin Bess“ spricht, wenn wir das dritte Kapitel von Macaulay lesen und unsere Freiheit und unseren Komfort mit den Verhältnissen unter Charles II. vergleichen, wir sehen uns unsere Antiquitäten an, die Schlösser des Ritterstandes, und danken dem Himmel, daß wir nicht in den „guten“ Zeiten der Feudalherrschaft leben.

31. Der Künstler und der Handwerker

Die Griechen mit ihrem Schönheitssinn und ihrer Phantasie waren echte Künstler. Sie sahen Apollo, der den Sonnenwagen fuhr, Jupiter, der die Waagschalen des Schicksals hielt, Pluto, der über die Toten richtete. Die Ägypter dagegen hatten keinen Funken Phantasie und kein künstlerisches Geschick. Wir sagen, die Ägypter hatten keine Hände, aber wir sollten eher sagen, sie hatten kein Ideal, denn in der technischen Ausführung waren sie unübertroffen. Sie waren keine Künstler, jedoch erstklassige Handwerker. Sie hatten keine Ideale, keine Poesie, keine Kunst, während die Griechen von allen drei Dingen überquollen und ihre Dichter in den Rang von Theologen, Lehrern und Propheten erhoben. Sie wurden zu Götzendienern ihrer eigenen Schöpfungen. Vielleicht besteht der Unterschied zwischen der ägyptischen, jüdischen und griechischen Religion darin, daß die Ägypter den Metaphysiker zu ihrem Religionslehrer machten, die Juden wählten den Staatsmann und danach den Priester zu dem ihren, und die Grie...

30. Göttliche Triaden (6)

Was die Opfer betrifft, scheinen sich die Tempel von Jerusalem und Theben sehr ähnlich gewesen zu sein, mit dem Unterschied, daß es in Ägypten keine Spuren von Brandopfern gibt. Wenn wir die Ägypter mit den Griechen vergleichen, sind die metaphysischen Theorien des Ägypters der Wahrheit nähergekommen: Er legte wenig Wert auf Abbilder, die oft genug plump, häßlich und unförmig waren, er hatte wenig Sinn für Schönheit und keine Worte, doch seine Gedanken waren richtig. Die Griechen haben aus Amun Jupiter gemacht, aus Phthah Vulcanus und aus Osiris Pluto. Sie haben ihnen eine wunderbar sublime und spirituelle Form gegeben, es jedoch dabei bewenden lassen. Sie hielten diese ihre Geisteskinder wirklich für Götter, nicht für Äußerungen göttlicher Macht; sie verwechselten den Kanal mit der Quelle, Ursache und Wirkung. Sie glaubten „an die Natur, nicht an den Gott der Natur“.

30. Göttliche Triaden (5)

Es gab noch einen Gott, den armen alten Khem, den ich bisher nicht erwähnt habe, obwohl das Land Ägypten (Chemi) nach ihm benannt ist. Das steht in allen Inschriften – Chemi und das Land Ham sind Synonyme – Khem ist identisch mit Ham. Auf Khem wurde anscheinend die unangenehme und undankbare Aufgabe abgewälzt, Menschen zu framing (???) , und von Khem hing die Beziehung der Menschen mit ihrem Schöpfer ab. Wir können ihn vielleicht mit dem Heiligen Geist, dem Belebenden, vergleichen, so wie in der englischen Theologie Neph dem Vater entspricht, Amun und Khem beide dem Heiligen Geist, Phthah dem Sohn, in seinem Charakter der Weisheit, dem Schöpfer der Welt, wie St. John ihn präsentiert, und Osiris ist derjenige, der den Menschen Freud und Leid bringt.

30. Göttliche Triaden (4)

Hermes Trismegistus sagt ausdrücklich, daß „der eine“ von den Ägyptern „schweigend verehrt wurde“. Und um die christliche Dreieinigkeit für den menschlichen Geist verständlich zu machen, kann der Vater der Philosoph sein, der Sohn der Sprecher und der Heilige Geist der Künstler. Überträgt man das Ganze auf ägyptische Theologie, war Neph der Denker, der Autor politischer Theorien, Amun der Staatsmann, der diese Theorien in die Praxis umsetzte, Phthah der Anwalt, der Gesetze daraus machte, und Osiris der Richter, der sie im konkreten Fall anwandte, oder der Schulmeister, der sie lehrte: Phthah war die Exekutive, Amun die Legislative.

30. Göttliche Triaden (3)

Es ist wie bei uns – die erste Person der Dreieinigkeit denkt, die zweite herrscht, und die dritte haucht Leben ein. Bei ihnen war Neph der Geist, Amun der Wille und Phthah die Weisheit, die das Wissen zum Leben erweckt.

30. Göttliche Triaden (2)

Wir machen fast den gleichen Unterschied zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, wenn wir den Vater den Gedanken nennen, den Sohn das Wort und den Heiligen Geist sozusagen die Hand, also den Arbeiter, den Vermittler.

30. Göttliche Triaden (1)

Kenneh, 29. Dezember 1849 Die ägyptische Religion steht im Vergleich mit der griechischen sehr schlecht da, wenn wir an die Verehrer der Katzen denken und an die Verehrer des Jupiter Olympius. Trotzdem kann man sich vorstellen, selbst mit diesen übernatürlichen Bildern vor Augen, daß die ungekünstelten alten Ägypter der Wahrheit näherkamen. Es besteht kein Zweifel, daß die gebildeten Ägypter an den „einen Gott“ glaubten, den Unerreichbaren, den Unteilbaren, dem „Einen“, der weder benannt noch dargestellt werden konnte und daß die verschiedenen Namen und Darstellungen, die sie verwendeten, dazu da waren, um das Verhältnis darzustellen, in dem der Schöpfer seinen Geschöpfen erschien. Als Neph ist er der kluge Kopf und will zum Beispiel, daß die Menschheit fortschrittlich ist, als Amun kümmert er sich darum, wie dieser Fortschritt erreicht werden soll, als Phthah führt er seine Pläne aus, und als Osiris übermittelt er sie den Menschen. Die Namen für den einen Gott könnte man für uns so ...

29. Ägyptisches Christentum (9)

In Ägypten gibt es nichts Schönes, um den Schrecken zu mildern, den man angesichts dieser schrecklichen Grabtücher empfindet – in Assiut sind es nur Grabtücher – diese versteinerten Körper, plötzlich in Stein verwandelt mitten bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, wie es in Beni Hasan zu sein scheint – diese gigantischen Phantome, was sie in meiner Vorstellung in Luxor sein werden, einer toten Vergangenheit. Wenn Ihr Euch ausmalen könnt, ein schreckliches Gespenst in dem grellen Licht einer meridianen Sonne zu sehen, das ist Ägypten – mein vornehmes, melancholisches, sublimes, totes Ägypten. Hier zu reisen, ist nicht wie die touristische Besichtigung schöner Kunstwerke oder sonniger Landschaften in Italien oder Südfrankreich, es ist wie der Ghul, der die Gräber heimsucht, das heißt, Lepsius war der Ghul, der die Monumente aufbricht, zerstört und die Leichen stiehlt, und wir sind die armen harmlosen Púcas . Wir haben das Gebiet der Doumpalmen erreicht, die ich sehr schön finde, sie erinn...

29. Ägyptisches Christentum (8)

Wenn der Wind gut ist, werden wir wohl kaum in Theben anhalten, aber ich hoffe, er wird es nicht sein, damit wir dort wenigstens einen Spaziergang im Mondschein machen können (denn jetzt ist Vollmond), als erste Einführung in die Stadt mit den hundert Toren. Stellt Euch nur vor, daß wir nur noch fünfzig Meilen von Theben entfernt sind: Ich kann es kaum glauben und habe beinahe Angst davor, diese schrecklichen Geister von toter Zeit und Raum zum ersten Mal zu sehen.

29. Antikes Christentum (7)

Heute verstehen wir auch nicht viel mehr vom Gesetz, wir kennen nur zusammenhanglose Fakten, und es ist traurig, daß soviel Erfahrung verlorengeht, daß Nationen untergehen und ihre Nachfolger dabei zusehen und nicht wissen, warum. Wenn man fragt, werden die Leute einem sagen: Es war eine Prophezeiung, die in Erfüllung gegangen ist. Eine praktische Erklärung, die den Historikern viel Arbeit erspart. Aber der Wind ist stärker geworden, und nach zwei Tagen Verzögerung nähern wir uns endlich Qena. Die Fahrt mit dem Schiff von Qena nach Assiut – 150 Meilen – ist gut verlaufen. Fünf Tage lang war der Wind günstig, was Mr. Bracebrigdes Laune sehr gebessert hat, aber wir finden es alle zu schnell.

29. Antikes Christentum (6)

Aber wenn man an Ägypten als Geburtsort des Mönchtums denkt, die Mutter aller religiösen Orden, wofür ich es zweifellos halte, wenn man von den Essäern absieht, ist es seltsam, zu sehen, wie sehr die Religion hier vernachlässigt wird. Ein einziger Mönch, ein Franziskaner, lebt noch in Assiut (Mr. B. hat ihn besucht), der einzige Nachfolger von Johannes von Lykopolis und der Legionen von Thebaïs. Dort hatte er seine einsamen Messen gelesen und das schon seit zehn Jahren, er trug genau die Kleidung eines Moslems, mit Sondergenehmigung seiner Vorgesetzten, und das in dem Land, das vor 1400 Jahren das Rom der Christenheit war, das wie Rom die klassische und die religiöse Hauptstadt der Welt vereinte, und, anders als Rom, zur gleichen Zeit. Alexandria war damals noch die Königin der Städte, das Serapeum mit seinen 700.000 Bänden war immer noch das wichtigste Bauwerk der Welt (vielleicht abgesehen vom Capitol), das Zeitalter des Augustus war kaum vorbei, aber es war auch der Ort aller chri...

29. Antikes Christentum (5)

Ich denke, es gibt in der Geschichte nur wenige Beispiele dafür, daß ein Land so gründlich de-christianisiert wird wie Ägypten (1), nachdem es einmal ganz und gar christlich war, ganz herausragend sogar, wenn man nach den christlichen Schismen urteilt, die das Land im vierten Jahrhundert zerrissen – Athanasius wurde fünfmal aus Alexandria verbannt (ich fürchte, daß christliche Zwietracht und Christentum Synonyme sind). Hat der Islam üblicherweise so vollständig Besitz von einem einst christlichen Land ergriffen? Anmerkung der Verfasserin: 1: Die 20.000 Kopten kann man kaum als Christen betrachten.

29. Antikes Christentum (4)

Die einzigen Leute, die wir in diesem ganzen elenden Land gesehen haben, die versucht haben, wenigstens ein bißchen Gutes zu bewirken, sind die katholischen Nonnen – ich versichere Euch, wir hoffen auf ein Sprengel, eine kleine Stadt, nur eine sehr kleine, auf die Mönche von Thebaïs, damit zumindest dann und wann ein Gebet zu Gott emporsteigt, inmitten all dieser Menschen, die nicht wissen, wozu sie auf der Welt sind. St. Pachomios hatte mein wärmstes Mitgefühl, als wir an der jetzt völlig verlassenen Insel vorbeikamen – kein Grashalm, nicht einmal ein Stein ist noch da.

29. Antikes Christentum (3)

In dieser endlosen Wüste aus Korruption, Elend und Sensualismus scheinen die Christen ihr Dasein im Osten nicht dafür zu nutzen, den Teig zu säuern, und auch nicht dafür, irgend etwas Gutes auf Erden zu bewirken, sondern nur dazu, die Sitten des Landes auszunutzen, um ihren eigenen Lastern zu frönen, und ihren Aufenthalt unter Moslems dazu zu nutzen, so zu leben wie Moslems (seit wir hier sind, waren wir nicht überrascht von der muslimischen Verachtung für Christen, sondern haben uns ihr von Herzen angeschlossen).

29. Antikes Christentum (2)

Ich wünschte, Ihr hättet den schönen gelben Strauß Baumwollblüten gesehen, die ich gepflückt habe – unsere ersten Baumwollpflanzen –, als wir an der Insel Tabenna vorbeikamen, wo einst St. Pachomios lehrte, zwölfmal am Tag zu beten, zu arbeiten und den Körper zu verleugnen. Heute betet und arbeitet niemand mehr, und wer den Körper verleugnet, tut es deshalb, weil er ihm nichts geben kann. Damals hatte er allein auf Tabenna 1300 Anhänger und 6000 in Thebaïs, außerdem Klöster in Arsinoe (bei Sues) und in Nitria . Damals, im vierten Jahrhundert, war ganz Ägypten christlich, oder jedenfalls fast ganz Ägypten, jetzt ist es nicht einmal mehr muslimisch, und es müssen sehr eifrige Christen gewesen sein, nach der enormen Menge an religiösen Vorschriften für die Bevölkerung zu urteilen. Der erste Grundsatz dieser Vorschriften lautete, zu arbeiten, und was meine lieben Protestanten aus dem Westen auch sagen mögen, ein Anachoret erscheint mir jetzt als Engel, verglichen mit dem, was wir täglic...

29. Antikes Christentum (1)

In der Nähe von Qena, 28. Dezember 1849 Meine lieben Leute, ich wünschte, Ihr hättet den Sonnenuntergang gestern abend sehen können, wie die Wildnis blühte wie eine Rose in den letzten glühend roten Leuchten der sterbenden Sonne.